Johannes Ockeghem - Le Bon Père

KategorieProject Weeks
Vergangenes Datum 27 02 2011

Während seines ziemlich langen Lebens (1410+ bis 1497), das praktisch auf französische, burgundische und flämische Einflussbereiche linguistischer und kultureller Art begrenzt war, behandelte Ockeghem,

 

während er an traditionellen Gattungen (Burgundische Chanson, cantus-firmus-Messe und Motette) festhielt, sowohl ihre Form als auch ihre Techniken mit einer erstaunlich inventiven Kreativität. Sogar innerhalb des so konservativen Bereichs der Messkomposition war er sich der Notwendigkeit, seine subtilen Melodien, Rhythmen und kontrapunktischen Texturen mit dem Sprachrhythmus seiner typisch französischlateinischen Texte und ihres Ausdrucks zu "verehelichen" genauestens bewusst; er war bei weitem der begabteste Fachmann für modale Umwandlungen (oft textlich oder symbolisch motiviert); er war der erste kontinentale Komponist, der systematisch die "neue" Sonorität des tieferen Bassregisters nutzte; und, obwohl er immer noch in den meisten seiner Messen einen cantus prius factus benutzte, erreichte er einen bis dato ungehörten Grad melodischer Gleichberechtigung aller Stimmen. Schließlich, vielleicht nicht sofort offensichtlich, wurde Ockeghems Meisterschaft im Manipulieren metrischer Proportionen auf allen Ebenen durch keinen anderen Komponisten vor Bach erreicht. Aus diesen und vielen anderen Gründen darf die Frage mit vollster Berechtigung gestellt werden: Hätte es ohne le bon père jemals die größte Blüte westlicher polyphoner Musik, neben Bach, gegeben? Und hätte es ohne diese Blüte später überhaupt einen Bach geben können?

 

Diese zweite Cantus-Modalis-Projektwoche des Jahres 2010-11 wird sich einzelnen Sätzen seiner fünf "Chansonmessen" (um den Begriff zu prägen) und den Chansons, die sie inspirierten, widmen. Jeder Messsatz repräsentiert eine andere Seite von Ockeghems kompositorischem Genius:

 

 

 

Kyrie: Die Missa ma maistresse, welche nur aus Kyrie und Gloria besteht, basiert auf Ockeghems 3stimmiger gleichnamiger Bergerette. Jeder Abschnitt des Kyrie baut sich auf einer anderen Phrase des Tenors des Refrains auf. Der Kontrapunkt ist dicht und das Material der Chanson durchdringt alle Stimmen.

 

 

 

Gloria: Die Missa au travail suis basiert auf dem gleichnamigen 3stimmigen Rondeau, welches vermutlich von Barbingant stammt. Die beiden bisher erwähnten Chansons haben eine sehr enge Beziehung zueinander mit gegenseitig entlehntem Material. Die Frage ist nur, welche zuerst entstand. In scharfem Kontrast zu allen anderen seiner Glorias ist Ockeghems Missa au travail suis schlicht und beinahe durchgängig von deklamatorischem Charakter.

 

 

 

Credo: Die Missa Fors seullement l'atente, welche aus 5stimmigem Kyrie, Gloria und Credo besteht, basiert auf Ockeghems gleichnamigem 3stimmigen Rondeau. Dieses Rondeau mit seinem so unvergesslichen Beginn der absteigenden Quarte von la nach mi wurde von mindestens elf Komponisten vertont, unter Ihnen Josquin und La Rue. Als offensichtliche Illustrierung seiner reifer Periode verwendet Ockeghem in diesem Credo alle nur möglichen Stimmkombinationen von 2- bis 5stimmig, während er ständig die beiden Kopfmotive den Anforderungen von Textfluss und -inhalt jedes einzelnen Abschnitts entsprechend variiert. Nach Jaap van Benthem, dem Herausgeber von Ockeghems Messen, könnte dieses Credo als unabhängiges Werk gedacht sein.

 

 

 

Sanctus: Die Missa L'Homme armé ist über die beliebte monodische chanson rustique desselben Namens gesetzt. Obwohl diese Melodie schnell durch den vermutlich von Robert Morton komponierten 3stimmigen Satz "absorbiert" wurde, scheint sich Ockeghems Behandlung (wie die meisten anderen der ca. 50 L'Homme armé-Messen) mehr auf die Originalmelodie als auf die 3stimmige Version zu beziehen. Gemäß dem ungewöhnlich hohen kompositorischen Standard, den sich Ockeghem in seinen späteren Jahren selbst setzte, ist dieses Sanctus eine regelrechte tour de force, in der die einladend offen gelassene Modalität der originalen Chanson (ist es g-dorisch oder g-mixolydisch?) sich dem Willen sowohl des Sanctus-Textes als auch der "Tyrannei" der anderen Stimmen beugen muss.

 

 

 

Agnus dei: Die Missa De plus en plus basiert auf dem Tenor des 3stimmigen Rondeaus von Gilles de Binche (dit Binchois). Entgegen seiner sonstigen Behandlung von Chanson Tenors in seinen anderen Messen, verwandelt Ockeghem hier den kompletten aus 52 Noten bestehenden cantus prius factus kontinuierlich, so dass sich jeder Messsatz in rhythmisch und melodisch veränderter Gestalt präsentiert. In diesem Agnus dei ist lediglich das 'Dona nobis pacem' frei von ausgedehnten melodischen Einwürfen.

 

 

 

Alle fünf "Chansonmessen" Ockeghems finden sich im prachtvollen Chorbuch Vatican Ms Chigi C VIII 234 aus dem frühen 16. Jahrhundert. Wir singen aus Faksimiles aus diesem Chorbuch.

 

 

 

Dr. Rebecca Stewart / Übs. Martin Erhardt

 

29. September 2010

 
 

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