Notre Dame: Organum, Conductus & Gregorianik im 12./13. Jh

KategorieProject Weeks
Vergangenes Datum 28 08 2016 18:00
Veranstaltungsort An der Johanneskirche, 06110 Halle (Saale), Germany

Generelle Informationen

Die Projektwoche richtet sich an Sänger und singende Instrumentalisten; Studenten, Profis und fortgeschrittene Amateure. 

Die Teilnehmer sollen Interesse an bzw. Offenheit für einen mündlichen, modalen und sprachorientierten Zugang mitbringen.

Solmisation ist dabei ein wichtiges Werkzeug. Es wird aus originaler Notation musiziert, was der Wahrnehmung über die Ohren und einer transparente und flexiblen Stimmästhetik zugute kommt.

Mehr Informationen über Cantus Modalis: www.cantusmodalis.org 

Organisation

Wir erwarten von den Teilnehmern, dass sie vorbereitet sind, und verschicken deshalb Anfang August alles Material (Noten und Sekundärliteratur).

Ort: D-06110 Halle (Saale), Johanneskirche.

Beginn des Unterrichts:

Mo, 22. August, 18 Uhr

ab 23.8. tägliche Rahmenzeiten für Unterricht/Proben: 10-13 & 14:30-18:30 Uhr. Abends Einzelstunden.

Abschlusskonzert aller Teilnehmer:

Sonntag, 28. August, 17 Uhr, Johanneskirche.

Unterrichtssprachen sind Deutsch und Englisch.

Kursgebühr: 160€ (Kopiergeld inklusive). Während der Woche in bar zu zahlen.

Kostenlose Übernachtung ist möglich für max. 8 Personen, die in einem großen Raum zusammen schlafen möchten: An der Johanneskirche 2, gegenüber der Kirche. Küche und Dusche können dort benutzt werden. Bitte (Luft-)Matratze und Bettwäsche / Schlafsack mitbringen!

Oder Übernachtung in möblierten Gästewohnungen in Einzel- oder Doppelzimmern in unmittelbarer Nähe. Preis je nachdem ca. 20 € pro Nacht. 

Kinderbetreuung während der Woche ist nach Absprache gegen einen Obulus möglich.

Anmeldeschluss: 24. Juli

Anmeldung und Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder

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Die Dozenten

Die Sängerin und Spezialistin für Frühe abendländische Musik Prof. Dr. Rebecca Stewart, geboren in Kalifornien, promovierte 1974 im Fach Musikethnologie, nachdem sie viele Jahre lang mit klassischer Musik der Hindus gearbeitet hatte. Seitdem lebt sie in den Niederlanden, unterrichtete Musiktheorie und gründete und leitete die Abteilung Barockgesang am königlichen Konservatorium in Den Haag. 1989 gründete sie die Alte-Musik-Abteilung am Brabants Conservatorium Tilburg. Sie gründete und leitete die Cappella Pratensis und ist jetzt Leiterin von Cantus Modalis.

Martin Erhardt unterrichtet an den Hochschulen in Weimar & Leipzig sowie am Konservatorium in Halle und konzertiert als Blockflötist, Cembalist, Organist, Portativspieler und Sänger mit Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock. Er ist der Leiter des Leipziger Improvisationsfestivals und Autor des Lehrbuchs »Improvisation mit Ostinatobässen«.

Milo Machover (Renaissance Traversflöte, Gesang) studierte in Paris und Freiburg. Langjährige Spezialisierung auf die Musik des Mittelalters und der Renaissance über Projekte in den Niederlanden und Deutschland. Seit 2011 unterrichtet er frühe Ensemblemusik an der Musikhochschule Frankfurt.

Ivo Berg (Blockflöten, Gesang) promovierte an der UdK Berlin mit einer Arbeit über das Phänomen musikalischer Spannung. Neben dem wissenschaftlichen Nachdenken gilt sein Interesse ebenso dem aktiven Musizieren wie den Herausforderungen der musikpädagogischen Vermittlung. Derzeit unterrichtet und forscht er an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien im Institut für Musikpädagogik. Als Blockflötist und Sänger für frühe Musik konzertiert er u.a. mit den Ensembles Cantus Modalis, Hemony Ensemble und Nusmido.

 

Eine Kathedrale als Namensgeberin für eine musikalische Epoche - man lasse sich das erst einmal auf der Zunge zergehen.

Notre Dame, das Gotteshaus der Superlative im Zentrum von Paris, gibt dem heutigen Besucher auf den ersten Blick ein zutiefst eindrucksvolles und scheinbar repräsentatives Bild einer zentralen Station der Architekturgeschichte - doch auf den zweiten Blick offenbart sich das Bauwerk vielmehr als Prozess denn als Station: Ab 1163 planten Generationen von Architekten bis ins 14. Jahrhundert hinein an dem Großprojekt, und so kam es zwangsläufig, dass viele Teile der Kathedrale, vor allem der als Erstes fertiggestellte Chorraum, wieder umgebaut wurden, nachdem andere Teile der Kathedrale errichtet waren: Die ästhetischen Ideale hatten sich geändert. So kam es, dass das romanisch begonnene Gotteshaus letztendlich inspirierend für viele gotische Kathedralen wurde.

Ganz analog dazu darf man nicht der Versuchung erliegen, die Musik der Notre-Dame-Epoche als isolierte Station zu sehen. Zeitliche und räumliche Überschneidungen mit dem nur tendenziell älteren St. Martial-Repertoire und der jüngeren Ars antiqua scheinen alle Grenzen zu verwischen. Zweifelsohne war Notre Dame an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert ein wichtiges Musikzentrum, doch nicht der einzige Ort, an dem mehrstimmige Musik kultiviert wurde. Doch jenseits aller terminologischen Schubladen fußt alle Mehrstimmigkeit dieser Zeit felsenfest auf der beständigsten Tradition der christlichen Musik, dem gregorianischen Choral, der deshalb auch in unserer Projektwoche die Grundlage bilden muss.

Untrennbar verknüpft mit dieser frühen Blüte mehrstimmiger Musik - Hans Heinrich Eggebrecht nennt  sie “Kathedralkunst” - ist der Name einer der rätselhaftesten und zugleich bedeutungsvollsten Gestalten der mitteleuropäischen Musikgeschichte: “Perotin“ oder auch „Perotinus Magnus“ – Perotin der Große – Sinnbild eines der epochalsten Entwicklungsschritte unserer Musikkultur. 

So eindrucksvoll uns diese Kunst jedoch entgegentritt, so sehr verschwimmt das konkrete Bild eines Komponisten und Sängers Perotin zur mythischen Gestalt, eines auf ihn allein zurückgehenden Meisterwerkes zum Mythos. Das Erhabene wird so zum Rätselhaften: Dass es diesen Kantor „Perotinus Magnus“ gegeben haben soll, wissen wir allein durch wenige dürre 

Sätze des englischen Musiktheoretikers „Anonymus 4“ aus dem späten 13. Jahrhundert. Dieser jedoch beschreibt eine Praxis, die zu seinen Lebzeiten wohl bereits ein Jahrhundert zurückliegt – der Name Perotin zumindest konnte bislang in keinem weiteren Dokument im Umkreis von Notre Dame nachgewiesen werden. Und auch die aufgeschriebene Musik wirft Fragen auf: Ein einheitliches Werk, genannt der „Magnus liber organi“, wie es derselbe Theoretiker Leonin und wiederum Perotin zuschreibt, liegt uns nicht vor – gleichwohl vier andere umfangreiche Handschriften. Wer darin stöbern möchte, der findet unter den folgenden Links Digitalisate:

I-Firenze MS Pluteo 29.1 („F“)

http://teca.bmlonline.it/ImageViewer/servlet/ImageViewer?idr=TECA0000342136#page/1/mode/1up

D-Wolfenbüttel Cod. Guelf. 628 Helmst. („W1“) 

http://diglib.hab.de/?db=mss&list=ms&id=628-helmst

D-Wolfenbüttel Cod. Guelf. 1099 Helmst. („W2“)

http://diglib.hab.de/?db=mss&list=ms&id=1099-helmst

E-Madrid m 20486. („M“)

http://imslp.org/wiki/Codex_de_Madrid_(Various)

Inhaltsverzeichnisse und weitere Informationen zu diesen Quellen stehen unter:

http://www.diamm.ac.uk/jsp/Descriptions?op=SOURCE&sourceKey=924

Diese Handschriften überliefern das Repertoire zwar zum großen Teil deckungsgleich, aber doch unterschiedlich. Während F und W2 in Frankreich entstanden sind, wurde W1 vermutlich in England und M sicher in Spanien kompiliert. Und auch hier: Keine dieser Sammlungen wurde vor der Mitte des 13. Jahrhunderts niedergeschrieben.

Sollte es gar möglich sein, dass die große mehrstimmige Musik der Kathedralen zunächst improvisiert wurde, mündlich von Meister zu Schüler tradiert wurde, gleichsam aus der lebendigen Praxis heraus komponiert und erst im Nachhinein aufgezeichnet wurde? Auch diese Lesart lässt sich durch Lehrschriften der Epoche wie das vatikanische Organumtraktat (Rom, Bib. ap-vat, Ottob. lat. 3025), belegen.

Die Notation dieser Epoche jedenfalls ist nicht immer eindeutig: Zwar bieten die sechs rhythmischen Modi, mit denen wir uns während der Projektwoche auch beschäftigen werden, Anhaltspunkte für einen energetischen Fluß der Melismen, doch wird erst um 1280 Franco von Köln eindeutige rhythmische Regeln für Ligaturen formulieren.

Wer sich also auf diese Musik einlässt, der wird immer wieder auch auf sein eigenes musikalisches Empfinden, seine Intuition zurückverwiesen – Entstehung und Form der Musik lassen sich nicht aus späteren Praktiken herleiten. Andere – und im Wesentlichen musikästhetische – Erwägungen müssen hier den Prozess der Interpretation leiten: Für uns ist dies zuallererst die Akustik und Atmosphäre der Kirche, die den originären Klang - und Resonanzraum dieser Musik bereitet. Die Art, diese Räume zum Klingen zu bringen, orientiert sich am liturgischen Wort und hier im Konkreten am altfranzösischen Sprachduktus der lateinischen Liturgie. Diese Sprache wiederum ist in kongenialer Weise im gregorianischen Choral zur Musik geronnen – hier setzt die originale Notation als unsere wichtigste Interpretations- und Inspirationsquelle ein: Sie weißt in ihrem energetischen, geschwungen linearen Duktus auf ein äußerst bewegliches und dynamisches Klangbild hin.

In unserer Projektwoche werden wir sowohl liturgische, also mess- oder offizienbezogene Organa einstudieren, als auch freiere Conductūs, die lateinische, geistliche oder weltliche Gedichte vertonen, und die möglicherweise als Prozessionsmusik konzipiert sind.

Wie mag man nun diese ebenso ferne wie doch in ihren akustischen Orten so nahe und unmittelbar berührende Musik empfinden? Für uns sind es immer wieder die Pole zwischen einer mythischen bis mystischen Monumentalität und einer lebendigen Musizierform, die sich in ihrem Innersten immer wieder als zutiefst bewegte und bewegende gemeinschaftliche Praxis erweist.

Ivo Berg / Martin Erhardt

 
 

Alle Daten

  • von 22 08 2016 18:00 bis 28 08 2016 19:00

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