Old Hall - Englische Polyphonie 1415–1419

KategorieProject Weeks
Vergangenes Datum 20 05 2015 18:00
Veranstaltungsort D-06110 Halle (Saale), Johanneskirche. - D-06110 Halle (Saale), Johanneskirche.
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Im späten 14. Jahrhundert trotzte die Kirche in England einer hartnäckigen und populären Häresie, den sogenannten Lollarden. Eine grundsätzliche Forderung dieser war, dass sich die Kirche auf die Seelsorge sowie die Rettung der Seele konzentrieren solle. Gesang und Liturgie wurden als Teufelswerk angesehen und damit sowohl das Budget für die Chöre als auch die Polyphonie verdammt (deschaunt und contre note “stiriϸ veyn men to daunsynge more ϸan to mornynge”). Die Gegenbewegung jedoch – weltliche und kirchliche Institutionen waren dabei einer Meinung – führte zu Beginn des 15. Jahrhunderts zu einen Boom musikalischer Aktivität in England.

Hauptzeugnis dieser Aktivität ist das Old Hall Manuskript, eine Momentaufnahme des Repertoires, welches 1415 bis 1419 von der Kapelle Thomas', des Herzogs von Clarence, gesungen wurde. Dieser war seit 1413 zum rechtmäßigen Thronfolger aufgestiegen, als dessen Bruder Heinrich der V. zum König von England gekrönt wurde.

Binnen nur zweier Jahre hatte der junge König seinen inländischen Feinden vergeben, mühsam Allianzen mit Burgund sowie der Bretagne erwirkt und in der Schlacht von Agincourt den französischen Adel vernichtend geschlagen. Von diesem Sieg nach London zurückkehrend wurde Heinrich als Christi miles umjubelt und ihm damit der Beiname des Heiligen Georgs verliehen. Im selben Jahr noch erhob Erzbischof Chichele das Fest dieses Heiligen auf den höchsten Rang – niemand durfte in diesem Tag arbeiten.

Clarence jedoch wurde aus Heinrichs engstem Vertrautenkreis ausgeschlossen. Er wäre hitzköpfig, streitsüchtig, bar jedes Gerechtigkeitssinns und hatte obendrein in seiner Jugend offen die Treue zu Charles d'Orléans geschworen, dem führenden Verteidiger des französischen Dauphins. Es ging sogar das Gerücht um, er wolle den Thron erobern, während sein Bruder in Frankreich war. Nichtsdestotrotz ward Clarence in den Folgejahren in Frankreich gesehen – im Kampf für England, der jedoch letzten Endes fatal ausging. Die Führung seines Hofes hatte Clarence seiner Frau Margaret Holland in deren Palast in Woking anvertraut, in dem es zwei Kapellkirchen gab. Anscheinend war Clarence Musikkenner; wurde er doch 1412 mit dem prächtigen Manuskript 'Machaut E' von dem führenden Bibliophilen seiner Zeit, Jean, Duc de Berry, beschenkt. Mit doppelt so vielen Laien- wie Priestersängern

(im November 1419) war auch Clarences Kapelle eher musikalisch als sazerdotal ausgerichtet. An zweiter Stelle aller 16 angestellten Laiensänger ist Leonel Power aufgelistet. Daraus läßt sich schließen, dass er wohl bereits sehr früh, eventuell schon 1412 der Kapelle beigetreten war. Von allen Komponisten des Old Hall Manuskripts ist er am meisten vertreten.

Die Gesamtheit von Entwurf und Ausführung der ersten Lage der Handschrift lag in der Obhut eines einzigen Schreibers. Dieser schrieb Text und Noten mit großer Akkuratesse und Eleganz nieder und ging bei der Textverteilung mit ungewöhnlicher Sorgfalt vor. Er schrieb auch fast allen Werken, die in Chorbuchnotation verfasst sind, Autoren zu. Außerdem trug er 1200 Akzidentien ein, die, wenngleich natürlich nicht vollständig, so doch einen guten Eindruck vom englischen Klangspektrum vermitteln. Bevor er das Manuskript vollendete, reichte er es einem Illuminator, der es mit goldenen und blauen Initialen für die fertigen sowie die noch geplanten Stücke versah. Der Hauptschreiber sollte die Arbeit jedoch nicht mehr fortsetzen.

Stattdessen war das Manuskript bis zum Juli 1419 in die königliche Kapelle gelangt, wo Damett, Sturgeon, Cooke und Burdell ihre eigenen Werke hinzufügten, korrigierten und änderten; darunter drei Kompositionen, die zu den Feierlichkeiten von Agincourt erklungen waren. Da sie keine professionellen Schreiber waren, ist ihre Kalligraphie deutlich unsauberer. In den frühen 1420ern wurden Teile des Manuskripts in ein neues königliches Chorbuch kopiert. In kontinentalen Quellen ist allerdings kaum eines dieser Werke - sei es homophon oder virtuos - zu finden, ganz im Gegensatz zu dem eleganten Stil der Dunstaple-Generation, welcher in ganz Europa Standard werden sollte.

Das Manuskript hatte ausgedient: Im Laufe der folgenden vier Jahrhunderte ging es durch unbekannte Hände. Als der Komponist John Stafford Smith es 1813 bei einer Auktion erwarb, hatte es sämtliche Kyries, die es vermutlich einmal beinhaltet hatte sowie 25 der verbleibenden 137 Blätter verloren. Unglücklicherweise hinterließ Smith seine Bibliothek seiner Tochter Gertrude, die irrsinnig wurde und 19 illuminierte Initialen – und damit auch die benachbarten Noten sowie die Musik auf der Rückseite - ausschnitt. Irgendwer ersetzte die Initialen später, dabei wurden allerdings

nochmals weitere Noten im Umkreis der vormals ausgeschnittenen Teile der Handschrift verdeckt. Desweiteren malte er 21 neue Initialen hinein, wo zuvor gar keine gewesen waren. 1893 gab Stafford Smiths Urenkel Edward Wolferstan Tordiffe das Manuskript an das St. Edmund's College nahe des Dorfes Old Hall, um damit - Gerüchten zufolge - das Schulgeld für seinen Sohn zu berappen. Das College versah den Schatz prompt mit einem neuen Einband und stutzte es zurecht, wobei der Buchbinder den vorigen Einband sowie die Vorsatzblätter mit den einzigen Informationen seiner zwischenzeitlichen Herkunft wegwarf, bevor es 1898 dem Musikwissenschaftler Barclay Squire gezeigt wurde. Nachdem sich bei einer weiteren Auktion glücklicherweise kein Käufer für das Buch gefunden hatte, erwarb es 1973 die British Library. Old Hall ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich: es ist die erste substantielle, überlebende Quelle englischer Polyphonie seit 180 Jahren (wenngleich Fragmente hunderter anderer Bücher existieren), es beinhaltet in solch einer frühen Zeit autographe Kompositionen, es ist in einer sehr kurz umrissenen Zeitspanne entstanden, außerdem enthält es neben einfachen, alltäglichen Stücken auch Werke, die aufgrund ihrer Virtuosität nahezu unaufführbar sind.

Für diese “Hall in Halle”-Woche haben wir aus diesem schönen – und lesbaren – Manuskript Musik ausgewählt, die exemplarisch für den weiten technischen und stilistischen Umfang ist. Unsere Auswahl orientiert sich entsprechend am liturgischen Rahmen der Messe zum Feste des Heiligen Georgs, des griechischen Soldaten und Märtyrers, welches am 23. April gefeiert wird und der gerade erst am Ende des 14. Jahrhunderts offiziell als Schutzpatron Englands anerkannt worden war. Da Old Hall kein Messproprium enthält, wird dieses dem Graduale Sarum, einem speziellen Ritus von Salisbury entnommen, nebst der drei Motetten für Agincourt.

PS/RS (Übs: ME/CH) 

Organisation

Modalis:

 –  Wir erwarten von den Teilnehmern, dass sie vorbereitet sind, und verschicken deshalb Ende April alles Material (Noten und Sekundärliteratur).

  • –  Ort: D-06110 Halle (Saale), Johanneskirche.

  • –  Beginn des Unterrichts: Do, 14. Mai (Himmelfahrt), 18 Uhr

  • –  ab 15. Mai tägliche Rahmenzeiten für Unterricht/Proben: 10-13 & 14:30-18:30 Uhr. Abends Einzelstunden nach Absprache.

  • –  Abschlusskonzert aller Teilnehmer: Mittwoch, 20. Mai, 18 Uhr, Johanneskirche.

  • –  Unterrichtssprachen sind Deutsch und Englisch.

  • –  Kursgebühr: 160€ (Kopiergeld inklusive). Während der Woche in bar zu zahlen.

  • –  Kostenlose Übernachtung ist möglich für max. 8 Personen, die in einem großen Raum zusammen schlafen möchten: An der Johanneskirche 2, gegenüber der Kirche. Küche und Dusche können dort benutzt werden. Bitte (Luft-)Matratze und Bettwäsche / Schlafsack mitbringen!

  • –  Oder Übernachtung in möblierten Gästewohnungen in Einzel- oder Doppelzimmern in unmittelbarer Nähe.  Preis je nachdem ca. 20 € pro Nacht.

  • Kinderbetreuung während der Woche ist nach Absprache gegen einen Obulus möglich.

    Anmeldeschluss: 16. April 2015
    Anmeldung und Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

 
 

Alle Daten

  • von 14 05 2015 18:00 bis 20 05 2015 18:00

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