Ad Festum Omnium Sanctorum

KategorieConcerts
Datum 01 11 2009 15:00

Schlosskirche zu Wittenberg 1. November 2009, 15.00 Uhr

Die I novembris: AD FESTUS OMNIUM SANCTORUM

am Hofe Friedrichs des Weisen, Anfang 16. Jahrhunderts

Programm:

Introitus Gaudeamus Omnes in Domino

Heinrich Isaak

(Choralis Constantinus II: 1550-55)

(1450/5-1517)

'Kyrie'aus der Missa Dominicale Maius

Adam Rener

(RostockU 49, 1566/Rhau 1541)

(1482-1520)

'Gloria' aus der Missa Dominicale Maius

"

Graduale Timete Dominum

gregor. Gesang

(Graduale Pataviense, Wien 1511)

 

Alleluia V. Vox exultationis

Heinrich Isaak

(Choralis Constantinus II)

 

Sequence Omnes Sancti Seraphin

Notker Balbulus

(Graduale Pataviense, f 261-2/

(ca 840-910)/

(Choralis Constantinus II)

Heinrich Isaac

'Credo' aus der Missa Dominicale Maius

Antoine Brumel

 

(ca 1460-1512/13)

Offertorium Letamini in domino

gregor. Gesang

(Graduale Pataviense)

 

'Sanctus' aus der Missa Veci la danse Barbari

Adam Rener

(Jena 36, Wittenberg, 1500-20)

 

'Agnus dei' aus der Missa Veci la danse Barbari

"

Communio Amen, dico vobis

 

(Choralis Constantinus II)

Heinrich Isaac

 

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Ausführende: Rebecca Stewart (Leitung), Anna Kellnhofer, Marsja Mudde, Naomi Yasumura, Marijke Meerwijk, Gesine Friedrich, Thomas Riede, Christoph Burmester,

Tim Karweick, Hans-Joachim Schumann, Cornelius Uhle, Ton Debets

Zum Konzert und seinem Hintergrund:

Diese rekonstruierte Messe IN FESTUM OMNIUM SANCTORUM in der Schlosskirche zu Wittenberg erklingt nicht nur zum Feste Allerheiligen, sondern führt uns auch zurück zum Hofe Friedrichs III. des Weisen, Kurfürst von Sachsen von 1486 bis 1525.

Wie wir wissen, war Friedrich der Weise nicht nur ein religiöser, gerechter Herrscher, der unter dem Kaiser des Hl. Römischen Reiches - Maximilian I. - die notwendigen politischen Veränderungen durchsetzte, sondern auch ein großer und aktiver Förderer von Luther und seinen Reformen.

Vielleicht weniger gut bekannt sind seine Vorlieben für die Musik und die deutsche Geschichte: Vor seinem späteren Bekenntnis zum protestantischen Glauben war sein Hof zu Wittenberg bekannt als Zentrum der römisch-katholischen Musik, das mit dem von Kaiser Maximilian um seine Bedeutung wetteifern konnte.

Mit der heutigen lateinischen, also prä-luteranischen Messe zum Feste Allerheiligen am Hof Friedrichs III. möchten wir Ihnen diese Qualität zeigen und damit auch die große Wertschätzung unterstreichen, die Friedrich III. und sein Hof dieser Musik gegeben haben.

Zwischen 1507 und 1517 war der Flame Adam Rener (Reiner, ca. 1485-1520) der maßgebliche Komponist am Hofe Friedrichs III., sowohl in Torgau als auch in Wittenberg. Nach seinem Studium in Burgund und seiner Zeit als Sänger am Hofe Maximilian I., verbrachte Rener den Rest seines Lebens am Hofe Friedrichs III., wo er eine entscheidende Rolle spielte in der Entwicklung des 'modernen' musikalischen Zentrums und dessen Musik, die er zu einem großen Teil auch selbst komponierte. Viele seiner Werke sind in den sogenannten Jenaer Chorbüchern enthalten, von denen er einzelne Bände auch mit editiert hat. Das Manusctipt Jena 36, aus dem Reners Missa Veci la Danse Barbari (s. a. Sanctus und Agnus Dei) entnommen ist, gehört sicherlich zu diesen Bänden.

Geboren in Lüttich, waren A. Rener und sein älterer flämischer Kollege Heinrich Isaac (1450/5-1517) hoch geschult in der niederländischen Polyphonie des späten 15. Jahrhunderts. Zwar blieb Isaac Maximilian treu, aber die wichtigsten seiner Propriumbesetzungen (die durch seinen Schüler Ludwig Senfl aufgeschrieben wurden) sind sehr wahrscheinlich auch im Hof Friedrichs gesungen worden. Reners Sätze verschiedener Introitus, Allelujas und Sequenzen zeigen deutlich den Einfluss Isaacs.

Isaacs proprium-Sätze wurden erst im 20. Jahrhundert publiziert: Anton (von) Webern transkribierte 1906 zum Beispiel Introitus, Alleluja, Sequenz und Kommunion zu Allerheiligen. Trotzdem sind aber nur drei der neun Messen Reners vollständig publiziert worden. Für das heutige Ordinarium haben wir aus Interesse an diesen unbekannten Werken Stücke aus zwei nichtpublizierten Messen gewählt, Messen also, die vielleicht schon seit 400 Jahren nicht mehr gesungen worden sind. Beide Messen, die höchstwahrscheinlich in stilistisch unterschiedlichen Perioden von Reners Leben komponiert worden sind, wurden gefunden in den Quellen die ihren Ursprung finden in den Wittenbergischen Kreis von Friedrich III.

Die Missa Dominicale Maius ist die jüngere der beiden Messen und sie existiert in zwei Quellen.

Die erste - bestehend aus vier gedruckten Stimmbüchern - stammt aus der bekannten Wittenberger Druckerei des Georg Rhau und wurde 1541 gedruckt. Die zweite ist eine identische Kopie der ersten, allerdings eine mit wunderschöner, musikalischer Hand gezeichnete Handschrift aus der Universitätsbibliothek Rostock *(U49). Aus dieser Handschrift werden wir singen. Erklingen werden Kyrie, Gloria und Credo, die alle auf den gregorianischen Urformen basieren und alle im anspruchsvollen IV.-Modus der Kirchentonarten (hypophrygisch in E-mi) geschrieben sind. Dieser Modus wird häufig zu den größeren kirchlichen Festen wie Allerheiligen benutzt, daher auch der Titel Dominicale Maius.

Ein zweiter, gleich bedeutender Grund für unsere Auswahl dieser Messe ist, dass zu Ehren von Antoine Brumel (ca. 1460-1515) sein italienisch beeinflusstes Credo aus der Missa de Beata virgine eingefügt worden ist! Offensichtlich hat Rener diesen französischen Komponisten in hohen Ehren gehalten. Brumels Credos wurden als Modell für die Behandlung dieses langen Textes im 16. Jahrhundert gesehen, weil er lange Sektionen in einem Rezitativstil mit langen Melismen auf emotionalen Wörtern wie 'saecula', 'Pilato passus', 'vivificantem' und 'Amen' alternierte.

Die zweite Messe - wir singen daraus Sanctus und Agnus Dei - befindet sich nur im Wittenberger Chorbuch, Jena 36. Sie ist ohne Titel und wurde deshalb traditionell Missa sine nomine genannt. Doch eigentlich sollte sie Missa Veci la Danse Barbari heißen, da sie auf dem gleichnamigen anonymen vierteiligen französischen Chanson aus dem späten 15. Jahrhundert basiert. Das Auftauchen dieser Messe in Jena 36, welches aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt, und die Feststellung, dass Reners älterer flämischer Kollege Jakob Obrecht (ca. 1450-1505) ebenfalls eine Missa sine nomine nach diesem gleichsam risqué (gewagten) Chanson geschrieben hat, legt die Vermutung nahe, dass Reners Missa Veci la Danse Barbari - wie Obrechts Messe und dazu mit einem ebenfalls aber anderen 'geliehenen' Credo - ein Jugendwerk von ihm sein könnte. Ebenso die Tatsache, dass Reners Messe trotz ihrer liturgischen Funktion einen ebensolchen lustigen Charakter hat wie ihr Modell, unterstützt diese Hypothese.

Die Gesänge zum Graduale, Offertorium und die geradzahligen Verse der Sequenz zum Feste

Allerheiligen werden aus dem stilistisch und zeitlich nahgelegenen Graduale Pataviense (Wien 1511) gesungen. Es ist faszinierend zu sehen, dass, obwohl Isaak und Rener Flamen waren, Isaacs Introitus, Alleluja, Sequenz und Kommunion und Reners Kyrie und Gloria auf den gregorianischen Modellen basieren, die zum Deutschen Gesangbuch aus der Stadt Passau gehören. Bestimmte melodische und textuelle Variationen machen dies deutlich. An zwei Stellen in Reners Gloria verlässt er den Standard-Text: Aus 'propter magnam gloriam tuam' wird 'propter gloriam tuam magnam' und zu 'Jesu Christe' wird 'altissimi' hinzugefügt. Beide Veränderungen befinden sich auch im Gloria des Graduale Pataviense im gleichen Modus. Jedoch ist im Gloria die Trope 'Hymnus dicimus tibi' hinzugefügt zur Vorbereitung der Worte 'Gratias agimus tibi propter gloriam'. Dieses ist nur in Reners Gloria zu finden.

Die neunfach gefaltete Sequenz Omni Sancti Seraphin aus dem Graduale Pataviense stammt ursprünglich von Notker Balbulus (ca. 840-910) aus St. Gallen. In diesem Stück ruft Notker

alle Heiligen in westfränkischem! Latein und in Form eines 'Rundrufes' an.

Nach dieser Einleitung versteht sich, dass die Sänger-(innen) sowohl aus dem Chorbuch als auch aus Stimmbüchern singen.

Dr. Rebecca Stewart

(Übersetzung: H.-J. Schumann, Marijke Meerwijk)

* Wir danken Frau Dagmar Steinfurth von der Universität zu Rostock/Sondersammlungen aufs

Herzlichste für die große Mühe bei der Beschaffung der Handschrift Ros U49.

Texte(nur Texte vom proprium orginal und übersetzt)

Introitus: (Ps 32)

 

Gaudeamus omnes in Domino

Freut euch des Herrn,

diem festum celebrantes

wenn wir an diesem Tag lobpreisen

in honore sanctorum omnium

allen Heiligen zur Ehre;

dequorum solemnitate,

es ist eine Feierlichkeit,

gaudent angeli

die die Engel jauchzen lässt

et collaudant Filius Dei.

und lasst uns preisen den Sohn Gottes.

V. Exultate iusti in Domino.

V. Freut euch des Herrn

Rectos decet collaudatio.

ihr Gerechten und ihr Frommen.

Doxology: Gloria Patri et Filio...

Ehre sei dem Vater und dem Sohn

Graduale: (Ps 33: 10, V. 11b)

 

Timete dominum omnes sancti eius:

Fürchtet den Herrn; ihr seine Heiligen;

quoniam nichil deest timentibus eum.

Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

V. Inquirentes autem dominum,

V. Und die den Herrn suchen,

non deficient omni bono.

werden kein Gut missen:

 

 

Alleluia V. Vox exultationes

Man singt mit Freuden vom

et salutis in tabernaculis iustorum.

in den Häusern der Gerechten

 

 

Sequence: (Versen 1, 3a, 4a etc & 9: Graduale Pataviense; Versen 2, 3a etc: Isaac)

 

1. Omnes sancti seraphin cherubin

All ihr heiligen Seraphin,

throni quoquem dominationesque

Cherubin, Inthronisierte, auch Herrscher,

2. Principatus potestates virtutes,

Principale, Mächtige, Tugendsame,

3a. Archangeli angeli

Erzengel, Engel!

vos decet laus et honores.

Lob und Ehre gebürt euch.

3b. Ordines noveni spirituum beatorum,

Ihr, die neungefaltete Ordung des gesegneten Geistes,

4a. Quos in dei laudibus firmavit caritas.

Ihr, durch die die Nächstenliebe stark geworden ist

 

im Lob Gottes

4b. Nos fragiles homines

Gebt uns schwachen Menschen Kraft

fimate praedibus.

durch unsere Gebete,

5a. Ut spiritales pravitates vestro

So dass wir tapfer besiegen

iuvamine vincentes fortiter,

unsere spirituelle Unzulänglichkeit,

5b. Nunc et in aevum/et perhenniter vestris

Nun und für ewiglich/in alle Ewigkeit,

simus digni solemniis interesse sacris.

macht uns wert, teilzuhaben an deinem heiligen Ritus.

6a. Vos quos dei gratia vincere terrea,

Ihr, die ihr durch Gottes Gunst e

 

die irdischen Dinge zu besiegen helft,

6b. Et angelis socios fecit esse polo.

um gleich den Engeln im Himmel zu sein.

7a. Vos patriarche prophete apostoli

Ihr Patriarchen, Propheten, Aposteln,

confessore martyres monachi virgines,

Bekenner, Märtyrer, Brüder und Schwestern

7b. Et viduarum sanctarum omniumque

und die Gemeinschaft der heiligen Witwen und

placentium populo[s] supremo domino:

all die, die Gott in der Höhe preisen:

8a. Nos adiutorium

Laßt durch Euren Beistand,

8b. Nunc et perenniter

Nun und in alle Ewigkeit

9. Foveat protegat ut vestrum

uns erstarken und beschützen, wie ihr selbst,

in die poscimus gaudiorum vestrorum.

dass wir an diesem Tage beten mit freudvollem Lob.

Offertorium: (Ps 31, 11)

 

Letamini in domino et exultate iusti

Freuet euch des Herrn und seid fröhlich

et gloriamini omnes recti corde.

ihr Gerechten und jauchzet ihr Frommen.

 

 

Communio: (Matth 19, 28-29)

 

Amen, dico vobis,

Wahrlich, ich sage euch:

Quod vos qui reliquistis omnia,

Ihr, die ihr alles verlassen habt

et secuti estis me,

und mir nachgefolgt seid,

centuplum accipietis,

der wird's hundertfach empfangen

et vitam aeternam possidebitis.

Und das ewige Leben ererben.

 

Übersetzung: H.-J. Schumann, Mieke Kock, Rebecca Stewart und Abbazia di Nonantola (Italien)

 

 
 

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