Antoine Busnoys

KategorieProject Weeks
Vergangenes Datum 07 04 2013
Veranstaltungsort Johannesplatz, 06110 Halle
Antoine Busnoys stammt wahrscheinlich aus dem winzigen Dorf Busnes in Nordfrankreich, verbrachte aber die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens in Flandern als Mitglied der burgundischen Hofkapelle. Sein berühmtester Zeitgenosse flämischen Familiennamens, Johannes Ockeghem, verbrachte hingegen die meiste Zeit seines Lebens am französischen Hof.
 
Die beiden hatten von 1461 bis 1465 in Tours direkten musikalischen Kontakt: Busnoys sang an der dortigen Cathedrale, und Ockeghem genoss als Schatzmeister von St. Martin Privilegien.
 
In diese Zeit muss wohl die Entstehung der ersten drei Missae L’Homme armé von Dufay, Ockeghem und Busnoys fallen. (Die Teilnehmer unserer Projektwochen zu Dufay und Ockeghem werden sich noch an die Sancti erinnern, die wir aus beiden Messen gesungen haben.) Diesmal wollen wir die Busnoys’sche Messe komplett einstudieren und damit wieder die Frage aufwerfen, wer darin nun auf wen Bezug nimmt. Die Nähe oder Ferne zur polyphonen Improvisationspraxis könnte ein Indiz sein, welche Messe zuerst entstand.
 
Ob nun die Chanson rustique L'Homme armé von Busnoys ist, wie Pietro Aaron 1523 behauptet, oder von Morton oder von Dufay, kann wohl kaum beantwortet werden. Jedenfalls dürfte die Melodie schon vorher in bekannter französischer „Hit“ gewesen sein, den wir heute nur in der dreistimmigen Chansonfassung kennen. 1465 schließlich waren Busnoys und Ockeghem gleichzeitig an St. Martin in Tours beschäftigt. (Diese Basilika, mit ihrem Grab des heiligen Martin, galt damals als eine der wichtigsten Kirchen in Frankreich.)
 
Ein Jahr später bereits finden wir Busnoys in Poitiers wieder. Dort muss er wohl durch sein Erscheinen die polyphone Gesangspraxis mit einem Schlag zu hoher Blüte geführt haben, indem er nicht nur die dortigen Chorknaben ausbildete, sondern auch zahlreiche Sänger von außerhalb nach Poitiers anzog, die teilweise mit in seinem Haus wohnten. Dies lässt auf Charisma und pädagogisches Geschick verbunden mit einer außerordentlichen musikalischen Begabung schließen, die auch in zeitgenössischen Quellen mit vielen Superlativen beschrieben wird: „Extrem geschickt in der Musik“, „außerordentlich befähigt in Musik und Poesie, und sehr geeignet, die Knaben zu unterrichten, besonders in Musik und Moral“, „ein höchst würdevoller und ausgezeichneter Mann“.
 
Ein Großteil seines erhaltenen weltlichen Oeuvre entstand bis 1467, dem Zeitpunkt, wo er auf einmal in der Hofkapelle Karls des Kühnen, Herzog von Burgund, auftaucht.
 
Ein Werk, mit dem wir uns beschäftigen wollen, ist seine Motette In Hydraulis. Der Text stammt (wie so oft) von Busnoys selbst, und er verehrt darin Ockeghem, indem er ihn sowohl mit Pythagoras als auch mit Orpheus vergleicht, und sich selbst in aller Bescheidenheit als im Dienste Karls des Kühnen stehend erwähnt. Der temperamentvolle Herzog gedachte durch zahlreiche Kriege die Grenzen des Reiches zu erweitern und zu befestigen. Es mag uns heute seltsam erscheinen, dass dieser geradezu kriegsbesessene Herrscher gleichzeitig ein passioniertes und tiefgehendes Interesse für Musik hatte und seine Hofkapelle nicht nur deutlich vergrößerte, sondern auch auf die meisten seiner Feldzüge alle seine Hofmusiker mitnahm.
 
Sehr interessant ist, dass Busnoys erst ab 1470 eine Festanstellung am Hof innehatte und bis dahin freischaffend (durchaus im modernen Sinne!) tätig war: Er erhielt noch kein Jahresgehalt, sondern wurde nur für bestimmte Gelegenheiten wie Kompositionsaufträge oder Aufführungen bezahlt, bekam aber auch Honorare für manacherlei diplomatische Akte: Wenn es beispielsweise darum ging, einen Sänger von einem anderen Hof geschickt abzuwerben, wurde Busnoys gerne damit beauftragt – und: Möglicherweise gab er dem Fürsten sogar Unterricht.
 
Gleichzeitig legte der Fürst großen Wert auf die Anfertigung von Chorbüchern, von denen das bedeutendste die Handschrift BrusBR 5557 ist. (Die Teilnehmer unserer Frye-Woche werden sich daran erinnern: Hierin wurden fünf englische Messen anläßlich Karls Hochzeit mit Margaret of York 1468 aufgeschrieben.) Das Chorbuch wurde im Laufe von Karls Regentschaft aus verschiedenen Faszikeln von verschiedenen Schreibern zusammengebunden. Die darin enthaltenen Werke von Busnoys, eine spätere Ergänzung, hat er wahrscheinlich selbst aufgeschrieben, denn es finden sich darin Korrekturen.
 
Auch ist es die einzige Quelle, in der seine Motette Anthoni usque limina überliefert ist, welche wir ebenfalls einstudieren wollen. Der Cantus firmus besteht nur aus dem Ton d, im Rhythmus einer komplizierten Canonanweisung, der vielleicht auf einer Glocke zu spielen ist. Und: Anfang und Ende des Textes ergeben den vollen Namen des Komponisten: ‘Anthoni usque limina … fiat in omniBus Noys’.
 
Ebenfalls aus BrusBR 5557 wollen wir sein vermutlich frühestes geistliches Werk, Anima mea liquefacta est / Stirps Jesse einstudieren, dessen Text aus dem Hohelied stammt.
 
Passend zur Osterzeit soll sein grandioses Victimae paschali laudes unser Programm ergänzen.
 
Doch was wäre Busnoys ohne seine weltlichen Chansons? Etwa 75 sind von ihm bekannt – in den französischen Chansonniers seiner Zeit ist kein anderer Komponist häufiger vertreten! Aus dieser Fülle haben wir Bel accueil (Schöner Empfang) und den vielleicht skurrilen Titel Je ne puis vivre ainsi (So kann ich nicht leben) ausgewählt.
 
(31. Dezember 2012)
Martin Erhardt/Rebecca Stewart/Milo Machover
 
 
Generelle Informationen
  • Die Projektwoche richtet sich an Sänger und singende Instrumentalisten, Amateure, Studenten und Profis mit Interesse an einem mündlichen, modalen und sprachorientierten Zugang.
  • Solmisation ist dabei ein wichtiges Werkzeug. Es wird aus Faksimiles der relevanten Quellen musiziert.
  • Das Musizieren aus Einzelstimmen fördert im Gegensatz zur modernen Partitur die Wahrnehmung über die Ohren und eine transparente und flexible Stimmästhetik. Instrumentalisten werden so zu ‘Vokalisten’.

 

Organisation

  • Wir erwarten von den Teilnehmern, dass sie vorbereitet sind, und verschicken deshalb alles Material (Noten und Sekundärliteratur) etwa am 12. März.
  • Ort: D–06110 Halle (Saale), Johanneskirche.
  • Beginn des Unterrichts: Ostermontag, 1. April, 18 Uhr.
  • Ab 2. April tägliche Rahmenzeiten für Unterricht/Proben: 10–13 & 14:30–18:30 Uhr.
  • Abschlusskonzert aller Teilnehmer: Sonntag, 7. April, 17 Uhr, Johanneskirche.
  • Unterrichtssprachen sind Englisch und Deutsch.
  • Kursgebühr: 160€ (Kopiergeld inklusive). Während der Woche in bar zu zahlen.
  • Kostenlose Übernachtung ist möglich für max. 8 Personen, die in einem großen Raum zusammen schlafen möchten: An der Johanneskirche 2, gegenüber der Kirche. Küche und Dusche können dort benutzt werden. Bitte (Luft-)Matratze und (warme!) Bettwäsche / Schlafsack mitbringen!
  • Oder Übernachtung in möblierten Gästewohnungen in Einzel- oder Doppelzimmern in unmittelbarer Nähe. Preis je nachdem zwischen 10 und 20 € pro Nacht.
  • Kinderbetreuung während der Woche ist gegen einen Obulus möglich!
  • Anmeldeschluss: 5. März 2013.
  • Anmeldung und Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.
 
 
Die Dozenten
  • Die Sängerin und Spezialistin für Frühe abendländische Musik Prof. Dr. Rebecca Stewart, geboren in Kalifornien, promovierte 1974 im Fach Musikethnologie, nachdem sie viele Jahre lang mit klassischer Musik der Hindus gearbeitet hatte. Seitdem lebt sie in den Niederlanden, unterrichtete Musiktheorie und gründete und leitete die Abteilung Barockgesang am königlichen Konservatorium in Den Haag. 1989 gründete sie die Alte-Musik-Abteilung am Brabants Conservatorium Tilburg. Sie gründete und leitete die Cappella Pratensis und ist jetzt Leiterin von Cantus Modalis.
  • Einerseits unterrichtet Martin Erhardt historische Improvisation und Musiktheorie an den Hochschulen in Weimar und Leipzig sowie Blockflöte am Konservatorium in Halle – andererseits konzertiert er auch als Blockflötist, Cembalist, Organist, Portativspieler und Sänger mit diversen Spezialistenensembles für Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock. Er ist der Leiter des Leipziger Improvisationsfestivals und Autor des Lehrbuchs »Improvisation mit Ostinatobässen«. www.erhardt-martin.de.
  • Milo Machover (Renaissance Traversflöte, Gesang) studierte moderne Querflöte in Paris und Freiburg und ist als Musiker in der klassischen und historischen Aufführungspraxis ebenso aktiv wie in der Neuen Musik. Langjährige Spezialisierung auf die Musik des Mittelalters und der Renaissance über Projekte in den Niederlanden und Deutschland. Seit 2011 unterrichtet er frühe Ensemblemusik an der Musikhochschule Frankfurt.
 
 

Alle Daten

  • von 01 04 2013 bis 07 04 2013

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