Deutsche (Volks-)Lieder des 15. Jahrhunderts

KategorieProject Weeks
Vergangenes Datum 14 07 2013
Veranstaltungsort Johanneskirche, Halle DE - Johannesplatz, 06110 Halle, Duitsland
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Nachdem die Cantus-Modalis-Projektwochen in Halle bisher hauptsächlich Musikstile der franko-flämischen Kultur zum Inhalt hatten, möchten wir uns nun einer deutschen Tradition widmen:

Eine der frühesten Quellen, die fast ausschließlich weltliche Lieder mit deutschsprachigen Texten enthält, ist das Lochamer-Liederbuch. Es hat seinen Ursprung im Nürnberg der 1450ger Jahre und hat im Laufe der Zeit häufig den Besitzer gewechselt. Einer dieser zahlreichen Eigentümer verewigte sich auch auf Seite 37 mit den Worten: „Wolflein von Locham[e]r ist das gesenngk püch“, wonach die Handschrift ihren heutigen Namen erhielt. Das Lochamer-Liederbuch überliefert uns knapp 50 Lieder mit jeweils ca. 3 bis 7 Textstrophen.

Der Begriff „Volkslied“ ist für dieses Repertoire mit Vorsicht zu gebrauchen; schließlich wurde er erst im späten 18. Jahrhundert von Herder geprägt. Doch ist er zumindest insofern zutreffend, als dass es hier tatsächlich um ein Repertoire geht, welches einer bürgerlichen Bevölkerungsschicht damals bekannt gewesen sein dürfte, im Unterschied zur höfischen Kunst der Minne. Dennoch ist es Kunstmusik, wovon die Melodik und nicht zuletzt auch der Kontrapunkt der mehrstimmig überlieferten Lieder zeugt: Obwohl in Sachen Komplexität nicht mit der franko-flämischen Vokalpolyphonie vergleichbar, so vermittelt er doch den Eindruck einer ausgereiften Mehrstimmigkeit von bezaubernder Süße und starkem Charakter, was mit Sicherheit auf eine reiche Tradition der mehrstimmigen Improvisationspraxis (Cantus super librum) in Deutschland schließen lässt.

Von den meisten Liedern nämlich ist nur eine Melodie notiert, sieben Lieder jedoch sind dreistimmig und zwei zweistimmig notiert. Die mehrstimmig notierten Lieder können als Beispiel dienen, wie mit den restlichen Liedern auch zusätzliche Stimmen hinzu improvisiert werden können. Thematisch kreisen die meisten Lieder natürlich um die unterschiedlichen Facetten der Liebe: Sei es die glückliche, erfüllte Verehrung („All meyn Gedencken dy ich hab“), sei es Eifersucht („Des klaffers Neydn thut mich meyden“ - „klaffer“ = „Ausspanner“), seien es allegorische Vergleiche mit der Natur („Der wallt hat sich entlawbet“), oder eine heimlich miteinander verbrachte Nacht, wo der Liebhaber vor Morgengrauen wieder aufbrechen muss, um unbemerkt zu bleiben („Wach auf meyn hort“). Für letzteres Lied wird allgemein Oswald von Wolkenstein als Autor angenommen, so dass man es als Scharnier zwischen Minne und Volkslied sehen kann.

Ebenfalls in Nürnberg lebte der damals überragende Meister der Instrumentalmusik: Conrad Paumann. Er war Kantor an St. Sebald, bevor er 1450 in den Dienst des bayerischen Herzogs nach München wechselte. Wie enorm hoch sein Ansehen war, mag das Lob des Nürnberger Meistersingers Hans Rosenplüt verdeutlichen, der Paumann in seinem Spruch von Nürnberg schon 1447 (Paumann war zu diesem Zeitpunkt erst ca. 37 Jahre alt!) „Meyster ob allen Meystern“ nannte.

Das Buxheimer Orgelbuch entstand ungefähr während der 1460ger Jahre im Umfeld Paumanns. Er selbst war von Geburt an blind, hatte aber zahlreiche bekannte Schüler, und auch sein Sohn Paul wurde Organist. In diesem Personenkreis jedenfalls dürfte das Buxheimer Orgelbuch niedergeschrieben worden sein. Die Tabulatur, in der es notiert ist, wurde erst später Orgeltabulatur genannt, und obwohl zweifellos die Orgel das wichtigste Instrument zur Ausführung dieses Repertoires war, so sind doch alle gebräuchlichen anderen Instrumente genauso möglich: Auf Paumanns Grabstein in der Münchner Frauenkirche ist er portativspielend abgebildet, und neben ihm sind Blockflöte, Fidel, Laute und Harfe zu sehen.

Das Buxheimer Orgelbuch enthält über 250 Stücke, teils weltlich, teils geistlich. Neben vielen weltlichen Stücken mit französischsprachigen Vorlagen enthält es natürlich viele Instrumentalversionen von deutschen Liedern. Und natürlich gibt es einige Konkordanzen mit dem Lochamer-Liederbuch. Interessant ist es nun für uns zu sehen, wie durch die Intavolierung die Vorlage gleichzeitig verziert wird, der Contratenor eventuell völlig neu komponiert wird und somit ein typisches modales Instrumentalidiom als organische Abbildung der Vokalmusik entsteht. Auf der Basis des Studiums der vorhandenen Konkordanzen wollen wir auch eigene Intavolierungen von Liedern aus dem Lochamer Liederbuch erarbeiten, sei es mit oder ohne Notenpapier. (1. April 2013) Martin Erhardt/Milo Machover

 
 

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  • von 08 07 2013 bis 14 07 2013

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